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Wesen und Ursache von Krankheiten

Nach chinesischer Vorstellung beruhen die meisten Erkrankungen auf Störungen des harmonischen Fließens der Lebensenergie Qi. Entweder liegt eine Fülle (d.h. Überfülle) oder eine Schwäche der Lebensenergie in den Organsystemen und Meridianen vor. Auch eine Stagnation bzw. Blockade des Qi in den Meridianen ist möglich.

Eine Schwäche des Qi nennt man Schwächestörung oder auch Leerestörung, chinesisch Xu, sie führt zu einer unzureichenden Funktion der entsprechenden Organe. Dann ist z.B. die Verdauungstätigkeit des Darms unvollständig. Unverdaute Nahrung wird ausgeschieden. Da die Lebensenergie als dynamische Kraft den Funktionen der Yang-Polarität entspricht, wird eine Schwäche des Qi als Yin-Zustand bezeichnet. Liegt eine allgemeine Schwäche der Lebensenergie im Körper vor, treten vielfältige Schwächesymptome auf wie Müdigkeit, verminderte Aktivität, Blässe, kalte Hände und Füße, übermäßiges Frieren, niedriger Blutdruck. Auch depressive Stimmungslage mit Energielosigkeit und Antriebsmangel sind Ausdruck der Schwäche der Lebensenergie Qi: Besonders im Alter sind Schwächestörungen besonders wie auch degenerative Erkrankungen häufig. Die Therapie der Wahl in der chinesischen Medizin für Schwächestörungen ist die Moxibustion, das Anwärmen von Akupunkturpunkten, aber auch tonisierende Nadelung, Heilkäuteranwendung, Ernährungstherapie und Qi Gong.

Eine Fülle (d.h. Überfülle) der Lebensenergie, chinesisch Shi, ist die zweite wichtige Störung von Qi. Man spricht hier von einem Yang-Zustand, der zu einer überschießenden Funktion der entsprechenden Organsysteme führt.

Tabelle 3: Schwäche- und Füllestörungen
Schwäche von Qi: Xu Fülle von Qi: Shi
Yin-Zustand Yang-Zustand
Kälteempfindlichkeit Hitzeempfindungen
Blässe Rötung
Mangeldurchblutung Blutfülle
Frieren Hitzegefühl
Schlaffe Muskulatur Gespannte Muskulatur
Unterfunktion von Organen Überfunktion von Organen
Depressive Störungen Erregungszustände
Dumpfe Schmerzen Akute Schmerzen
Degenerative Erkrankungen Entzündliche Erkrankungen

Wichtige Symptome bei Füllestörungen sind Fülle- und Spannungsgefühl, Blutfülle, Rötung, akuter, stechender oder krampfartiger Schmerz. Innere Unruhe, Nervosität, Übererregung sind die psychischen Auswirkungen der Überfülle von Qi. Hitze als Hauptsymptom der Füllestörung kann z.B. auf ein Gelenk beschränkt sein oder sich in Form von Fieber im ganzen Körper äußern.

Bei Stagnation oder Blockade der Lebensenergie kommt es zu Stauungen im harmonischen Fließen des Qi, überwiegend in der Peripherie des Körpers. Als Folge dieser Stagnation treten meist Füllezustände auf, z.B. Muskelverspannungen, Muskelschmerzen, Myogelosen und Bewegungseinschränkung. Auch bei Kopfschmerzen liegt nach chinesischer Vorstellung eine derartige Blockade vor und folglich meist eine Überfülle von Qi, die zu Spannungsgefühlen und akuten Schmerzen führt.

Störungen vom Fülle- oder Schwächetyp findet man entweder in den Meridianen oder in den Organen. Gerade Schwächestörungen können in den verschiedenen Teilen der inneren Organe auftreten; man spricht von Schwäche des Qi, des Yang oder des Yin der Organe, z.B. Schwäche des Lungen-Yin. Unter Yang eines Organs versteht man in diesem Sinne die Funktion, unter Yin hingegen die Struktur bzw. Substanz des Organs. So kennt die chinesische Medizin ca. 50 definierte Störungsmuster, die auch "Syndrome der chinesischen Medizin" genannt werden.

Nach traditioneller chinesischer Vorstellung spielen bei der Entstehung von Krankheiten vielfältige Faktoren eine Rolle:

  1. klimatische Faktoren,
  2. emotionale Faktoren,
  3. falsche Ernährung,
  4. körperliche Erschöpfung,
  5. Ansammlung von Schleim,
  6. Verletzungen.

Die wichtigsten Ursachen bei der Krankheitsentstehung sind nach chinesischer Vorstellung durch "äußere" klimatische und "innere" emotionale Faktoren bedingt. Krankheiten von außen treten auf, wenn die Einflüsse der umgebenden Natur, etwa in Form klimatischer Faktoren wie Kälte oder Wind, auf den geschwächten Körper wirken und so zu Qi-Störungen in den Meridianen und Organen führen. Äußere klimatische Faktoren sind Hitze bzw. Sommerhitze, Kälte, Trockenheit, Feuchtigkeit, Wind, oder eine Kombination dieser Faktoren, z.B. kalter trockener Wind.

Die 5 bis 6 "Wetterfaktoren" ("Hitze" und "Sommerhitze" werden getrennt gesehen) haben für die chinesische Medizin eine doppelte Bedeutung: Einmal bezeichnen sie krankmachende klimatische Einflüsse (z.B. Kälte - Erkältung, Hitze - Hitzschlag), dann beschreiben und benennen sie auch körperliche Beschwerden - Fieber ist ein Hitzesymptom, wandernde Schmerzen werden als "innerer Wind" beschrieben, kalte Gliedmaßen und steife Gelenke als Ausdruck des inneren "Kälte"-Faktors. So dient das System der fünf Wandlungsphasen der Beschreibung äußerer klimatischer Einflüsse und der Kennzeichnung körperlicher Symptome.

Nach traditioneller Vorstellung dringen die klimatischen Einflüsse von außen in den Körper ein, z.B. über den Mund, das Gesicht oder die Haut, besonders bei Wechsel der Temperatur oder der Jahreszeiten. Die Stärke der Abwehrreaktion des Körpers ist von Bedeutung für die Entstehung der vielfältigen Symptome. Die Beschwerden können sehr wechselhaft sein und von einem Zustand in einen anderen übergehen, z.B. Kältesymptome in fieberhafte Hitzesymptome. Auch kommt es oft zur Kombination verschiedener Faktoren wie Kälte, Feuchtigkeit und Wind bei der Entstehung rheumatischer Erkrankungen.

Wind als kennzeichnender Grundfaktor ist von aktivem Charakter, also ein Yang-Faktor, und wird dem Frühling zugeordnet. Er bewegt den Körper wie der Wind die Äste eines Baumes.

Man unterscheidet den Wind der Natur als krankmachenden äußeren Klimafaktor vom Wind als Beschreibungshilfe für körperliche Symptome. Wind als Klimafaktor schädigt den oberen Teil des Körpers, das Gesicht, den Nacken, die oberen Atemwege und die Haut. Er führt meist in Verbindung mit anderen Faktoren wie Kälte oder Feuchtigkeit zu Disharmonie im Körper.

Nach chinesischer Vorstellung erzeugt intensive und langandauernde Windexposition bei geschwächter körperlicher Verfassung eine "Disharmonie" des Gallenblasenmeridians mit Blockaden und damit Schmerzen im Kopf, Nacken und an der Körperseite. Dadurch kann auch die Leber gestört werden.

Als Beschreibungshilfe für körperliche Symptome spielt der Wind eine wichtige Rolle z.B. bei wandernden Schmerzen.

 

Hitze ist ein Yang-Faktor und tritt in unterschiedlicher Stärke und Form auf: als "Sommerhitze", "Feuer" und "mäßige Hitze". "Sommerhitze" wird als krankmachender äußerer Einfluß aufgefaßt, der z.B. zum Hitzschlag führt. Feuer und mäßige Hitze dienen der Beschreibung körperlicher Beschwerden.

"Hitze" und "Feuer" haben eine aufsteigende Tendenz im Körper. Sie führen bei langanhaltendem Einfluß zur Störung des "Herzens". Herz bezieht sich nach chinesischer Vorstellung jedoch hauptsächlich auf die psychischen Funktionen und so kommt es bei Hitzeeinfluß zu Störungen des Bewußtseins bis zur Bewußtlosigkeit (Hitzschlag). Mildere Symptome sind übermäßige Müdigkeit, Schwindel, körperliche Trägheit und schweres Atmen. Fieber ist eines der wichtigsten Hitzesymptome.

Feuchtigkeit symbolisiert Trägheit, Schwere, Starre, Stillstand und entspricht somit der Yin-Polarität. Im Jahreszeitenzyklus wird die Feuchtigkeit dem Spätsommer zugeordnet. "Feuchte Luft" als krankmachender Faktor kann jedoch in jeder Jahreszeit wirksam sein. Dieser äußere klimatische Einfluß bewirkt im Körper eine Trägheit der Lebensenergie Qi mit Symptomen wie Schweregefühl, Dumpfheit und Steifheit. Rheuma ist eine typische Krankheit, bei der "Feuchtigkeit" eine große Rolle spielt. Auch zu feuchte Nahrung führt zu Störungen des Milz-Pankreas-Systems somit der Verdauungsfunktion.

Kälte steht im direkten Gegensatz zur Hitze und ist somit der Yin-Polarität zugeordnet und entspricht dem Winter. In jeder Jahreszeit können jedoch Kälteeinflüsse zu Erkrankungen führen, wenn der Körper geschwächt ist. Plötzliches Auftreten der Symptome ist kennzeichnend für den äußeren Kälteeinfluß. Neben dem Wind ist Kälte ein äußerer klimatischer Faktor von besonders krankmachender Wirkung.

Durch Kälte wird das Fließen von Qi und Blut in den Meridianen verlangsamt oder blockiert; oft zeigt sich dies als Verlangsamung oder Hemmung der Bewegung. Degeneration bzw. arthrotische Erkrankungen sind chronische "Kälte-Yin-Erkrankungen". Die wirksamste Therapie ist die Moxibustion. Kälte hat besonders auf die Nieren sowie Knochen und Gelenke eine schädigende Wirkung. Die Niere als Quelle der aktiven Yang-Energie im Körper wird geschwächt.

Auch "innere" Faktoren führen zu Störungen der Lebensenergie, z.B. Fehlernährung oder übermäßige psychische Belastungen, und kommen somit als Krankheitsursachen in Frage. Ein Übermaß an bestimmten Gefühlen wie Angst, Wut, Zorn, Grübeln, Erregung oder Traurigkeit führt zu einer Störung der Lebensenergie einzelner innerer Organe, besonders wenn diese Gefühle plötzlich und intensiv auftreten und unzureichend verarbeitet werden.

Angst schwächt die Niere, Wut und Zorn führen zu einer Disharmonie der Leber, die oft mit einer Füllereaktion verbunden ist. Traurigkeit schwächt die Lungenenergie, übermäßige Erregung schädigt das Herz, Grübeln führt zu Störungen der Verdauungsfunktion, also des Milz-Pankreas und des Magens. Von den emotionalen Faktoren werden sowohl die Yin- als auch die Yang-Organe beeinflußt, entsprechend dem System der fünf Wandlungsphasen.

Wenn Gefühle nicht bewußt wahrgenommen oder verdrängt werden, kommt es häufig zu chronischen Störungen der Organfunktionen. In der Akupunkturbehandlung können solche Gefühle während oder nach der Sitzung herauskommen, für den Patienten oft unerwartet. Für die Heilung einer Organstörung ist dies sehr vorteilhaft.

Quelle:
Aus: Stux, G, (1996), Akupunktur: Grundlagen - Techniken - Anwendungsgebiete Kapitel II, Beck’sche Reihe Wissen, Verlag C. H. Beck München

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