Die Wurzeln: Tao, Yin und Yang
Die traditionelle chinesische Medizin hat ihre wesentlichen Wurzeln in den naturphilosophischen Vorstellungen des Taoismus, einer Philosophie, die Laotse 500 v.u.Z. begründete.
Der Wandel der Natur wurde von den Chinesen nicht als das Werk eines göttlichen Schöpfers betrachtet, sondern als Ausdruck der inneren Gesetzmäßigkeit der Natur, die Tao ("Dao" gelesen) genannt wurde. Das Tao, das oberste Naturprinzip, das Weltgesetz, wird von Laotse im Tao Te King beschrieben. In den zahlreichen Übersetzungen des Tao Te King wird Tao als "Sinn", "Weg", "Bahn", "Das Eine" wiedergegeben.
Das Tao, die schöpferische Urkraft der Natur, erzeugt das polare Spannungsfeld der Kräfte zwischen Yin und Yang (Yin wird "In" gelesen, Yang wie "Jang"). Aus diesem Spannungsfeld der komplementären Yin- und Yang-Kräfte entstehen alle Dinge, auch die Lebenskraft Qi, die Grundlage allen Lebens. Tao als das unmanifestierte schöpferische Urprinzip der Natur ist die Basis aller dynamischen Wandlung und aller Lebensvorgänge.
Neben der Vorstellung vom Tao spielt das polare und komplementäre Yin-Yang-System eine grundlegende Rolle in der chinesischen Naturbeschreibung der Antike und damit auch für die zu jener Zeit entstandene chinesische Medizin. Das Tao bringt im Wechselspiel der komplementären Kräfte Yin und Yang die Lebensenergie Qi hervor.
Die ursprüngliche Bedeutung von Yang, die sich im entsprechenden altchinesischen Schriftzeichen spiegelt, ist die sonnige Seite des Hügels, während Yin die Schattenseite symbolisiert. Der Himmel ist Yang, die Erde Yin, männlich ist Yang, weiblich Yin, warm ist Yang, kalt ist Yin, aktiv Yang, passiv Yin. Alle Gegensatzpaare der Natur werden so dieser Yin-Yang-Polarität zugeordnet.
Im dynamischen Wechselspiel ergänzen sich Yin und Yang in unaufhörlichen Prozessen der Umwandlung und führen zur Harmonie der Ganzheit. Es gibt kein Yin ohne Yang, beide Kräfte gehören unabdingbar zur Ganzheit, die im Chinesischen Taiqi heißt.
Gerade in der Medizin ist dieses polare System bei der Beschreibung von Lebensvorgängen im menschlichen Körper und deren Störungen von großer Bedeutung.
| Tabelle 1: PolaresYin-Yang-Entsprechungssystem | |
| Yin | Yang |
| Empfangendes | Schöpferisches |
| Erde | Himmel |
| Negativ | Positiv |
| Körper | |
| Ventral (zum Bauchgehörig) | Dorsal (den Rückenbetreffend) |
| Innen | Außen |
| Unten | Oben |
| Körperinneres | Oberfläche |
| Innere Organe | Haut |
| Funktionen | |
| Unterfunktion | Überfunktion |
| Schwäche LebensenergieQi | Fülle |
| Mangeldurchblutung | Hyperämie(Blutüberfüllung) |
| Kälte | Hitze |
| Degeneration | Infektion |
Neben dem Yin-Yang-System, das dem Verständnis polarer Vorgänge diente, wurde im 3. vorchristlichen Jahrhundert das System der "5 Wandlungsphasen" zur Kategorisierung von phasisch ablaufenden Vorgängen eingeführt. Bei dieser Lehre handelt es sich um ein Entsprechungssystem, in dem physische Abläufe oder Phänomene in 5 "Wandlungsphasen" eingeordnet werden. Die Methode trug zur Vereinheitlichung des antiken naturphilosophischen Weltbildes bei. Von der traditionellen chinesischen Medizin wurden verschiedenste Naturvorgänge und prozeßhafte Abläufe in dieses System von 5 abstrakten Grundfaktoren eingeordnet. Die fünf Wandlungsphasen sind Holz, Feuer, Erde, Metall, Wasser. Diese fünf Grundfaktoren stehen in einer innigen Wechselbeziehung der gegenseitigen Hervorbringung oder Förderung, wie auch der Hemmung bzw. Kontrolle zueinander.
Viele medizinische Gegebenheiten und Vorgänge, z.B. die Funktion von inneren Organen, Geweben und Sinnesorganen, der Einfluß von Wetterfaktoren usw., lassen sich den fünf Wandlungsphasen zuordnen.
| Tabelle 2: Klassifizierung nach den fünf Wandlungsphasen | ||||||
| Elemente | Innere Organe | Hohlorgan | Sinnes- organ | Körperschicht | Gefühl | Klimatische Faktoren |
| Holz | Leber | Galle | Auge | Muskel | Zorn | Wind |
| Feuer | Herz | Dünndarm | Zunge | Blutgefäße | Freude | Hitze |
| Erde | Milz | Magen | Mund | Bindegewebe | Besorgnis | Feuchtigkeit |
| Metall | Lunge | Dickdarm | Nase | Haut | Traurigkeit | Trockenheit |
| Wasser | Niere | Harnblase | Ohr | Knochen, Gelenke | Angst | Kälte |
Die Grundlagen der chinesischen Medizin wurden 200 Jahre v.u.Z. in der klassischen Schrift des Huang Di Nei Jing ausführlich dargestellt. Dieses "Lehrbuch der physischen Medizin des Gelben Kaisers" ist in Form eines Dialogs zwischen Huang Di, dem Gelben Kaiser, und seinem Arzt Chi Po abgefaßt. Hier finden sich bereits die wichtigen Vorstell
Quelle:
Aus: Stux, G, (1996), Akupunktur: Grundlagen - Techniken - Anwendungsgebiete Kapitel II, Beck’sche Reihe Wissen, Verlag C. H. Beck München
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