Gletschermann "Ötzi" nutzte Akupunktur
Behandelt wurden wahrscheinlich Arthrose und Magen-Darm-Beschwerden
Die Tätowierungen der 1991 in Tirol entdeckten Mumie ("Ötzi") sind scheinbar mehr als nur Körperschmuck. Ein internationales Forscherteam kommt nach eingehender Untersuchung des Gletschermannes zu dem Schluss, dass die Akupunktur in Mitteleuropa bereits vor 5.000 Jahren praktiziert wurde.
Die Entdeckung der Gletschermumie "Ötzi" im Jahr 1991 in den Tiroler Alpen war eine wissenschaftliche Sensation. Sie lieferte eine Menge Informationen über das Leben in der Zeit vor etwa 5.000 Jahren. Besonderes Interesse zogen die Tätowierungen des Gletschermannes auf sich. Eine internationale Forschergruppe kam - auf Anstoß von Prof. Dr. Frank Bahr von der Deutschen Akademie für Akupunktur und Aurikukomedizin e.V. (DAAAM) - nach eingehender Untersuchung des Eismannes zu dem Schluss, dass es sich hierbei auch um Akupunkturpunkte handeln könnte.
Medizingeschichte kann ein sehr spannendes Fach sein. Das gilt - vielleicht sogar in besonderer Weise - auch für den Bereich der Akupunktur, deren Ursprung man bisher in China vor etwa 3.000 Jahren vermutet hatte. An der Hautoberfläche der Gletschermumie "Ötzi" wurden insgesamt 47 strichförmige Tätowierungen entdeckt. Einige entsprechen dabei wahrscheinlich nicht den typischen Schmucktätowierungen, da sie sich an Körperstellen befinden, die nach heutigen Erkenntnissen nicht "zur Schau" gestellt wurden. Mehr noch - es fällt auf, dass die Tätowierungen der Mumie zum größten Teil auf Hautarealen gelegen sind, die als Akupunkturpunkte und -meridiane beschrieben sind. Es stellte sich somit die Frage, ob ein Zusammenhang zwischen den an "Ötzi" zu Lebzeiten durchgeführten Tätowierungen und der traditionellen chinesischen Akupunktur besteht. Für die Untersuchung wurden sämtliche Tätowierungen der Gletschermumie in der Spezial-Konservierungskammer in Bozen (Südtirol) vermessen, fotografiert und auf grafischem Papier nachgezeichnet. Zusätzlich wurden die Lokalisationen der Tätowierungen zu den anatomischen Verhältnissen an der Gletschermumie korreliert und mit klassischen Akupunkturpunkten verglichen. Die Auswertung förderte Erstaunliches zu Tage: Von den 15 Tätowierungsgruppen liegen neun exakt auf bzw. weniger als 5 mm von einem klassischen Akupunkturpunkt entfernt. Zwei weitere Strichgruppen liegen auf einem klassischen Meridian.
Ötzi behandelte Arthrose mit Akupunktur
Der Gletschermann litt unter einer Abnutzung des Gelenkknorpels der Lendenwirbelsäule und der Beingelenke - also einer Arthrose. Eine Strichgruppe, die die Forscher ausmachten, liegt als lokaler Punkt direkt auf dem veränderten, rechten Sprunggelenk, eine weitere direkt über der arthrotischen Lendenwirbelsäule. Diese Kombination der Tätowierungen entspricht aus der Sicht der Akupunktur einer komplexen Arthrose-Therapie. Tätowierungen der Gletschermumie "Ötzi" deuten somit auf komplexes Wissen in der Akupunkturbehandlung hin. Die Stichmuster lassen auf eine Stimulierung einer Hautzone mit Nadel oder durch Erwärmung in unmittelbarer Nähe des erkrankten Körperteils schließen. Die durchgeführte Akupunktur scheint jedoch noch weitaus komplexer zu sein. So findet man hinter dem linken Außenknöchel der Mumie ein tätowiertes Kreuz. In diesem Bereich liegt der so genannte Meisterpunkt für Rückenschmerzen. Damit war wahrscheinlich auch der Nutzen einer Stimulation von Fernpunkten bereits bekannt.
Auch Magen-Darm-Beschwerden wurden mit Nadeln behandelt
Neben den degenerativen Veränderungen der unteren Wirbelsäule und der großen Beingelenke wurden außerdem Beschwerden des Magen-Darm-Traktes behandelt. Diese könnten durch Parasiten wie Peitschenwürmer ausgelöst worden sein. Für eine Behandlung mit Akupunktur sprechen in diesem Fall die Tätowierungen, die sich über dem Gallenblasen-, Milz- und Lebermeridian befinden.
Akupunktur kam nicht erst in der Neuzeit nach Europa
Das lässt vermuten, dass schon 3200 v. Chr. in Mitteleuropa eine Akupunktur praktiziert wurde, die nicht nur symptomorientiert, sondern auch ursächlich wirkte. Dies würde wiederum voraussetzen, dass die Ursprünge der Akupunktur noch viel weiter zurückreichen. Denn die Entwicklung einer derartig komplexen Technik erfordert eine jahrhundertelange Entwicklung und Erfahrung. Ebenso wird damit in Frage gestellt, ob der Ursprung der Akupunktur ausschließlich im fernen Osten liegt oder ob er aus geografischer Sicht weiter nach Eurasien verschoben werden muss. In jedem Fall wird der jungsteinzeitlichen mitteleuropäischen Medizin durch diese Erkenntnisse zukünftig ein wesentlich höherer Entwicklungsgrad zuerkannt werden müssen, als bisher angenommen. (DAAAM)
Quellen:
Dorfer L, Moser M: A medical report from the stone age? The Lancet 1999;353:1023-25
Dorfer L, Moser M: 5200-year old Acupuncture in central Europe? Science 1998;282:242
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